Geheimakte Tunguska
Das hochgelobte Adventure gibt's jetzt auch für unterwegs

Bereits auf dem PC und auf Wii überzeugte Geheimakte Tunguska als hochwertiges Revival des klassischen Grafik-Adventures. Eine tolle Abenteuer-Story, die eines Indiana Jones würdig ist, fantastisches Rätseldesign und ansprechende, wenn auch teilweise etwas simple Grafik ließen Genre-Veteranen aufhorchen und begeisterten manchen Adventure-Einsteiger. Zeitgleich mit dem Wii-Port ist nun auch eine Umsetzung für den Nintendo DS erschienen, die zwar inhaltlich nichts neues mit sich bringt, jedoch für diejenigen, die lieber unterwegs rätseln, eine interessante Alternative bietet.

Vor hundert Jahren in Sibirien

Am 30. Juni 1908 kam es in der Tunguska-Region, einem Flussgebiet im tiefsten Sibirien, zu einer gigantischen Explosion. Die Folgen waren in einem Umkreis von über 500 km zu spüren: Millionen von Bäumen wurden entwurzelt, Fensterscheiben gesprengt, das Gebiet brachgelegt. Eine Sprengkraft, die weit mehr als dem Tausendfachen der Hiroshima-Atombombe entsprach. Nur der geringen Besiedelung Sibirien ist es zu verdanken, dass lediglich ein Mensch bei der Katastrophe ums Leben kam.

Nina berät sich mit Max über den
Verbleib ihres Vaters

Soweit die (realen) historischen Fakten. Was jedoch der Auslöser dieser Explosion war, ist bis heute nicht eindeutig geklärt. Zwar vermuten Wissenschaftler den Einschlag eines Asteroiden oder Meteoriten als wahrscheinlichste Ursache, doch kann weder dieser, noch irgendeiner andere Theorie endgültig bewiesen werden. Kein Wunder also, dass die Tunguska-Katastrophe Eingang in zahlreiche Fantasy- und Science-Fiction-Werke in Literatur, Film und auch der Spielebranche fand - unter anderem nahmen sich Wolfgang Hohlbeins Roman Rückkehr der Zauberer, die Comic-Reihe Hellboy oder die Mystery-Serie Akte X bislang des Ereignisses an.

Das PC-Adventure Geheimakte Tunguska, in Deutschland von Animation Arts und Fusionsphere entwickelt und Ende 2006 veröffentlicht, ist die bislang jüngste Interpretation des Vorfalls. Darin wird die russischstämmige Berlinerin Nina Kalenkow mit einer geheimnisvollen Verschwörung konfrontiert, als sie feststellen muss, dass Unbekannte ihren Vater aus seinem naturkundlichen Forschungsbüro entführt haben. Wie sich herausstellt, hat der gesetzte Wissenschaftler Vladimir Kalenkow über Jahrzehnte an dem fast hundert Jahre zurückliegenden Tunguska-Vorfall geforscht - und ist nun zum Spielball zwischen korrupten Wissenschaftlern und russischen Militärs geworden.

Die deutsche Polizei gibt sich
rat- und nutzlos

Historische Fakten und moderne Verschwörungen - eine Kombination, die im Adventure-Genre nicht unbekannt ist. Kennern fällt schnell die thematische wie spieltechnische Nähe zu LucasArts' Indiana Jones-Serie auf. Angenehmerweise jedoch gelten die beiden PC-Klassiker als absolute Genre-Vorbilder, und waren überdies die ersten Adventures, die mit einer erwachsenen Sory aufwarten konnten, während zuvor nur Fantasy und Comedy möglich zu sein schienen. Und in diese Fußstapfen steigt Geheimakte Tunguska ganz hervorragend: Die spannende Geschichte fesselt von Anfang an und die Charaktere sind sympathisch - auch wenn hier und da durchaus ein paar Klischees bedient werden. So wechselt beispielsweise Nina, anfangs in Jeans und T-Shirt erfreulich durchschnittlich, recht schnell zu einer knappen Uniform, die Wissenschaftler sind alle recht eigen, und die russischen Militärs von angenehmer Direktheit (Eine Durchsage: "Wenn der Zugführer bitte endlich seinen Hintern hochbekommen würde!"). Doch ist das durchaus verzeihlich, angesichts des hervorragenden Skriptes, welches die Charaktere durchaus plastisch werden lässt.

Zwar kommt man (ausser in ein paar Zwischensequenzen) nicht in den Genuss der hervorragenden deutschen Sprachausgabe des Spiels, muss sich aber glücklicherweise auch nicht mit nach und nach erscheindendem Text herumärgern, wie man ihn aus so vielen Videospielen kennt: Dialoge und Beschreibungen erscheinen ohne Verzögerung auf dem oberen Bildschirm - allein die Schriftart stört etwas, da die fehlenden Lücken zwischen den Buchstaben eher gewöhnungsbedürftig sind.

Wo lässt die Frau das alles?

Im Tagebuch lassen sich die bisherigen
Ereignisse nachschlagen

Zu der Sympathie für Charaktere trägt vor allem der trockene Humor bei, für den ja auch LucasArts und Sierra seinerzeit bekannt waren. Insbesondere beim Untersuchen der Umgebung kommentieren Nina und Max (über den man zwischenzeitlich ebenfalls die Kontrolle hat) manche Objekte mit einem erfrischenden Sarkasmus. Einem handelsüblichen Kühlschrank wird da auch schonmal attestiert, "von außen harmlos, aber innen eiskalt" zu sein - und einen Knopf möge man doch bitte nicht mit seinem Namensvetter Jim verwechseln. Der typische Unrealismus des Adventures - eben jeden Kleinkram zu untersuchen und mitzuschleppen - wird so auf sympathische Weise persifliert - worüber man fast vergisst, dass Geheimakte Tunguska in dieser Hinsicht eigentlich wenig kreativ wird. Wo Nina ihren ganzen Kram hinsteckt, wird jedenfalls nicht erklärt - ebensowenig die Selbstverständlichkeit, mit der sie ihrem Inventar alte Pizzastücke oder Knochen hinzufügt.

Trotzdem begeistert das Rätseldesign: Meist stösst man gerade dann auf die richtige Lösung, wenn man gerade so weit ist, eine bisher wegen ihrer Abwegigkeit ignorierte Idee doch umzusetzen. In Geheimakte Tunguska wird denn auch mal einer Katze ein Handy auf den Rücken geklebt - und das beeindruckende: Das ganze wirkt zwar konstruiert, ist aber trotzdem logisch, durchaus zu erraten, und verschafft dem Spieler ein befriedigendes Gefühl von MacGyverness.

Tunguska in der Hosentasche

Für PC- und Wii-Verhältnisse war die Grafik von Geheimakte Tunguska solides, ansehnliches Mittelmaß. Auf dem DS gibt es davon kaum Abstriche, was das Spiel auf der wesentlich weniger leistungsfähigen Konsole überdurchschnittlich gut erscheinen lässt. Über 100 einzelne, vorgerenderte Umgebungen, teilweise mehrere Bildschirme groß, hat das Spiel zu bieten - viele davon animiert und mit interaktiven Objekten. Darin bewegen sich die Figuren als 3D-Objekte äußerst natürlich - die geringere Auflösung macht kaum einen Unterschied. Und natürlich sind auch die Zwischensequenzen alle in der DS-Fassung intakt geblieben.

Das Abenteuer führt Nina und Max
in zwielichtige Gegenden

Auch das neue Steuerungs-System gefällt: Man tippt erst ein Objekt an, woraufhin Icons zum Ansehen und/oder Interagieren erscheinen. Ebenso leicht geht das Kombinieren mehrere Objekte von der Hand - das Inventar ist dauerhaft am unteren Bildschirmrand eingeblendet. Über die Tasten und weitere Bildschirm-Icons hat man Zugriff auf die Snoop-Funktion, die alle nutzbaren Objekte im Bild hervorhebt, das Tagebuch mit einer Story-Zusammenfassung und die Speicherfunktion.

Wie man es auch dreht und wendet, schon allein die Sprachausgabe macht die PC- oder Wii-Version zur besseren Wahl, was die verschiedenen Fassungen von Geheimakte Tunguska betrifft. Wer jedoch keine Möglichkeit hat, zu einer dieser Versionen zu greifen, oder seine Adventures bevorzugt unterwegs oder im Urlaub in Angriff nimmt, findet in der DS-Umsetzung einen hervorragenden Port eines tollen Spiels.

Erhältlich seit: 25. April 2008
Entwickler / Vertrieb: Animation Arts, Fusionsphere, 10tacle Mobile/ Koch Media
Sprache: Deutscher Bildschirmtext
Unterstütztes Zubehör: Keines
Nintendo Wi-Fi Connection: Nicht unterstützt
Multiplayer-Modus: Nicht unterstützt
Altersfreigabe: Freigegeben ab sechs Jahren

Rezension von Markus, 19.04.2008

 

 

    

 

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